Arne Tiselius (1958) - The Nobel Foundation: Some Thoughts on Its Work and Function (German presentation)

Auf diesen Tagungen in Lindau haben bisher Nobelpreisträger ihre verschiedenen Themen aus ihren Forschungsgebieten berichtet. In meinem Briefwechsel mit Herrn Graf Bernadotte ist die Idee aufgekommen, dass es in meinem Fall vielleicht von Interesse sein dürfte, etwas über die Nobelstiftung und die Nobelpreise zu berichten. Dies erscheint auch deshalb sinnvoll, da man hier in Lindau jedes Jahr diese feierliche und angenehme Tagung anordnet und dabei den Namen Nobel doch ziemlich oft auf den Lippen hat. Ich möchte Ihnen also jetzt einiges aus der Geschichte der Nobelstiftung und der Nobelpreise berichten. Und dazu einige Reflexionen von mir persönlicher Art hinzufügen. Diese stammen aus meinen Erfahrungen aus der Tätigkeit in der Stiftung und im Nobelkomitee der Chemie. Sie sind – wie gesagt – persönlich und sollten nicht als irgendeine offizielle Deklaration der Stiftung oder der den Preis erteilenden Organisation aufgefasst werden. In seinem Testament, datiert in Paris, den 27. November 1895, bestimmte Alfred Nobel, dass sein ganzes Vermögen einen Fond bilden sollte, dass die jährlichen Zinsen in fünf Preise geteilt und denjenigen zuerkannt werden sollten, die während des vergangenen Jahres der Menschheit den größten Dienst erwiesen hatten. Die im Testament genannten Gebiete umfassen Physik, Chemie, Medizin und Physiologie, Literatur und Wirken für den Frieden. Außerdem wurde bestimmt, dass bei der Verteilung der Preise keine Rücksicht auf die Nationalität genommen werden sollte. Nur der Würdigste sollte ausgewählt werden, gleichgültig ob Skandinavier oder nicht. Wer war nun dieser Mann und welche Motive lagen diesem Testament zugrunde, welche sich wenigstens in jener Zeit einmalig durch ihren internationalen und idealistischen Charakter auszeichnet? Man weiß, dass er sehr reich war. Wahrscheinlich einer der reichsten Männer seinerzeit. Aber wenig ist über seinen Charakter und sein Leben bekannt. Besonders nicht die genauen Umstände, die zu seinem Testament führten. Die Familie Nobel stammt aus Südschweden, wo die Vorfahren als Bauern in der Nähe des Dorfes Nöbbelöv in Schonen lebten. Der Dorfname ist der Ursprung des Familiennamens. Er hat nichts mit „nobel“ oder „Nobilität“ zu tun. Ein Mitglied der Familie, das am Ende des 16. Jahrhunderts Rechtswissenschaft studierte, nahm den Namen Nobilius an. In Schweden war es damals üblich, dass die Söhne der Bauern, wenn sie an einer Universität studierten, ihre Familiennamen latinisierten. Alfred Nobel wurde 1833 in Stockholm geboren, wo sein Vater als Erfinder und Unternehmer tätig war. Er war ein sehr schöpferischer Selfmademan, der jedoch nach einigen Fehlschlägen und Enttäuschungen von Schweden nach Finnland und später nach Russland übersiedelte. Im Jahre 1842 ließ sich die Familie in Petersburg nieder. Hier lebte Alfred, abgesehen einiger Jahre Auslandsbesuche, bis zu seinem 30. Lebensjahr. Er erhielt zusammen mit seinen älteren Brüdern Robert und Ludvig seine Erziehung durch einen ausgezeichneten Privatlehrer. Obgleich Alfred niemals an einer Universität studierte, erwarb er sich ein sehr breites Wissen, nicht nur in Naturwissenschaft und Technik, sondern auch in Geisteswissenschaften und Sprachen. Schon als junger Mann zeigte sich sein idealistischer Charakterzug. Er war Träumer und hatte eine melancholische Veranlagung. Aufgrund seiner schwachen Konstitution musste er manchmal seine Studien für lange Perioden unterbrechen. Die Nobelfabriken produzierten Maschinen und Schießpulver. Teilweise aufgrund von den Erfindungen von Emanuel Nobel, Alfreds Vater. Offenbar wurden die Fabriken durch große Regierungsaufträge besonders während des Krimkrieges begünstigt. Nach dem Kriege wurde die Beschäftigung weniger gut und die Firma Nobel geriet dadurch in große Schwierigkeiten. Diese veranlassten Emanuel schließlich, nach Schweden zurückzukehren. Seinen Söhnen Robert und Ludvig gelang es jedoch, dort allmählich eine Riesenindustrie aufzubauen, die den Reichtum der Nobeldynastie festigte. Man berichtet, dass Robert Nobel einmal nach dem Kaukasus fuhr, um die Möglichkeiten zu untersuchen, geeignetes Holz für den Schaft der Gewehre zu beschaffen. Er war sehr beeindruckt von dem enormen Reichtum der Ölreserven in Baku sowie von der sehr primitiven Weise der Ausbeutung. Vielleicht dienten dabei seine Erfahrungen von Petroleumlampen als Inspirationsquelle. Während der Depressionszeit hatte er zeitweise ein Geschäft in diesem Gebiet betrieben, und hatte dabei einige Kenntnisse von Petroleumfragen gesammelt. Jedenfalls begann er mit Einverständnis seines Bruders Ludvig etwas ganz Neues in Baku. Dieses führte schließlich zur Bildung des großen Petroleumkonzerns, welches die russische Petroleumproduktion bis zur Revolution von 1920 beherrschte. Aber nun zurück zu Alfred Nobel. Obgleich seine Brüder ihm anboten, in die Firma einzutreten, zog er es vor, nach Schweden zurückzukehren, um mit seinem Vater über Erfindungen auf dem Gebiet der Sprengstoffe zusammenzuarbeiten. Tatsächlich begann er sich schon für Nitroglyzerin zu interessieren, als er mit dem russischen Chemiker Professor Sinin in Petersburg arbeitete. Im Jahre 1863 patentierte Alfred Nobel eine neue Methode für die Herstellung von Nitroglyzerin und erweiterte den Anwendungsbereich desselben. Die Arbeiten auf diesem Gebiet waren nicht ohne Risiko, was Alfred Nobel mehrere Male in seinem Leben bitter erfahren musste. Das erste Unglück geschah schon 1864 in seinem Laboratorium in der Nähe von Stockholm, wobei fünf Personen ums Leben kamen – unter diesen Alfreds jüngster Bruder. Die Experimente wurden jedoch fortgesetzt. Jetzt auf einem in sicherer Entfernung verankerten Boot. Wenige Jahre später erhielt er ein Patent für Dynamit, seine am besten bekannte Erfindung. Diese revolutionierte die Sprengstoffindustrie und eröffnete vollkommen neue Möglichkeiten, besonders für friedliche Zwecke. Bekanntlich besteht das Hauptprinzip des Dynamits in der Stabilisierung des Nitroglyzerins durch Zusatz von Trägersubstanz, welche den sonst so gefährlichen Sprengstoff leicht und sicher für Handel und Verkehr macht. Schon vor der Erfindung des Dynamits gründete Nobel mehrere Nitroglyzerinfabriken im Ausland, die sich nun gewaltig entwickelten. In wenigen Jahren schon kontrollierte er einen großen Teil der Weltproduktion von Sprengstoffen, sei es durch seine eigenen Fabriken in verschiedenen Teilen der Welt oder durch Lizenzen auf seine vielen Patente. Die Verwaltung dieses großen Unternehmens und besonders viele Patentprobleme nahmen seine Zeit sehr in Anspruch. So ist es sehr bemerkenswert, dass er während seines ganzen Lebens es möglich machen konnte, weiterhin im Laboratorium die Arbeit fortzusetzen. In Schweden in der Nähe der bekannten Bofors Waffenfabriken, in Frankreich und in Italien in San Remo, wo er die letzten Tage seines Lebens verbrachte. Man gewinnt den Eindruck, dass es nicht das Geld war, nach dem Alfred Nobel strebte. Dies zeigt auch, dass er – wie schon erwähnt – den Vorschlag seiner älteren Brüder ablehnte, sich ihrem blühenden Petroleumunternehmen anzuschließen, noch lange, bevor er seine großen Erfindungen gemacht hatte. Er war jedoch hart und beharrlich, wenn es galt, seine Rechte zu verteidigen. Die vielen Patentprozesse verursachten ihm manchen Kummer. Dies ist wahrscheinlich der Grund für seine Einstellung gegenüber den Advokaten. Er schrieb in einem seiner letzten Briefe an einen schwedischen Freund: Dadurch erklärt sich ihre Liebe zur Politik, da man dort gewöhnlich vieles Gekrümmtes finden kann, genügend um das Herz zu befriedigen“. So zog er es vor, sein berühmtes Testament selbst ohne jegliche Hilfe zu schreiben. Und das war wohl eine der Ursachen von vielen Schwierigkeiten, da manche Fragen, zum Beispiel die seines eigenen legalen Wohnsitzes, nicht klar ausgedrückt waren. Nobel war ein einsamer Mann – Individualist und nie verheiratet. Wir haben leider nur sehr wenig Material, hauptsächlich nur einige Briefe und Berichte einiger Freunde und Mitarbeiter, um Genaues über seine Persönlichkeit und besonders die Hintergründe für sein Testament zu erfahren. Man weiß aber, dass er sehr disharmonisch war und längere Zeit unter Depressionen litt. Der Dynamitkönig war ein Träumer und fand oft sein Leben ohne Meinung [Bedeutung]. Er plagte sich sehr über die Folgen des Gebrauchs seiner Erfindungen als Massenvernichtungsmittel im Kriege, obgleich er gern glaubte, dass vielleicht gerade die furchtbare Wirkung der neuen Sprengstoffe zur Verhinderung neuer Kriege beitragen könnte. Er suchte nach einem Weg, seinem Leben Sinn zu geben. Er wollte der Menschheit dienen. Während seiner letzten Lebensjahre unterstützte er die Forscher mit finanziellen Gaben. Seine Zusammenarbeit mit Baronin Bertha von Suttner, welche ein berühmtes Buch gegen Kriege schrieb, hat ihn zweifellos mit dahin gebracht, seine großen Ressourcen für die Erhaltung des Friedens bereitzustellen. Seine Freunde berichten uns, dass er, als seine Pläne klarer wurden und Gestalt annahmen, ausgeglichener wurde und mehr den Umgang mit anderen Menschen suchte sowie sich mehr des Lebens erfreute. Die Nachricht von Nobels Testament schuf eine gewaltige Sensation, aber nicht alle Reaktionen waren positiv. Es ist interessant zu wissen, dass es jetzt zu einiger Unschlüssigkeit in der Königlichen Akademie für Literatur und in der Königlichen Akademie für Wissenschaften in Stockholm kam, die die Preise in Literatur respektive Naturwissenschaft verteilen sollten. Die Verantwortung schien sehr schwer sowie die Aufgabe als internationales Forum zu gelten. Es wurden Stimmen laut, welche die Meinung vertraten, dass das Testament von einem Phantasten geschrieben worden war, ohne jeglichen Sinn für Realität. Ebenso traten formelle und gerichtliche Schwierigkeiten auf einschließlich vonseiten einiger Verwandten. Es wurden jedoch alle Schwierigkeiten überbrückt, besonders dank der beharrlichen Anstrengungen von Ragnar Sohlmann, Nobels jungem Assistenten, dem späteren Exekutivdirektor der Nobelstiftung. So konnten die ersten Preise im Jahre 1901 verteilt werden. Die Organisation der Nobelstiftung hat sich seit Beginn ihres Bestehens kaum verändert. Die ökonomische Verwaltung wird von einer Direktion geleitet, dessen Vorsitzender und Vizevorsitzender von der Regierung ernannt werden. Ihre Hauptaufgabe besteht außer Kapitalanlage in Organisations- und Personalfragen. Das Stammkapital betrug etwas über 31 Millionen Schwedische Kronen. Gemäß den vorgeschriebenen Bestimmungen durfte das Geld nur in sicheren Wertpapieren angelegt werden, die so gedeutet wurden, dass nur Staatsobligationen und Anleihen gegen Sicherheiten in festem Eigentum gutgeheißen wurden. Dies änderte sich aber sehr unglücklich mit Rücksicht auf die allgemeine Inflation. Der Preisbetrag, der 1901 150.800,00 Kronen betrug überstieg erst vor einigen Jahren 200.00,00 Kronen, also eine vollkommene unzureichende Kompensation für den sinkenden Geldwert. Erst von 1939 an, erlaubte die Regierung eine Auflockerung der Deutung der Bestimmungen. Die Auffassung über den Begriff „sichere Wertpapiere“ hatte sich im Laufe der Zeit grundlegend geändert. Jetzt hat die Direktion die Möglichkeit, bis zu 50 Prozent der Fonds in gewisse schwedische und ausländische Industrieaktien und festen Eigentümern anzulegen. Dadurch konnte sich die Preissumme in den letzten zehn Jahren bedeutend erhöhen. Der Vorstand der Stiftung hat nichts mit der Wahl der Preisträger zu tun. Diese obliegt einzig der Preis erteilenden Institutionen, also der Königlichen Akademie der Wissenschaften für Physik und Chemie, des Lehrerkollegiums des Karolinischen Instituts das heißt also Parlament für den Friedensnobelpreis. Dass eine norwegische Institution den zuletzt genannten Auftrag erhielt, erklärt sich daraus, dass zurzeit von Nobels Testament Norwegen und Schweden eine Personalunion bildeten bis zum Jahre 1905. Die Prozedur der Wahl will ich anhand eines Beispiels vortragen, nämlich die Preise für Physik und Chemie. Das Recht, Kandidaten vorzuschlagen, steht den Professoren der Physik und Chemie an einer Anzahl Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstituten der ganzen Welt zu, die dazu eingeladen werden. Diese Einladungen werden jedes Jahr nach einem gewissen Zirkulationsprinzip variiert. Außerdem haben auch Nobelpreisträger, also frühere Nobelpreisträger, Mitglieder der Schwedischen Akademie der Wissenschaften sowie Professoren der Physik und Chemie von den skandinavischen Universitäten und Hochschulen dieses Recht. Ebenso kann die Akademie Personen auswählen, die sie für diese Angelegenheit geeignet hält. Die Vorschläge sollen bis spätestens den Nach sorgfältigen Überlegungen und Ermittlungen reichen die Komitees ihre Vorschläge der Akademie im September ein. Diese Vorschläge werden dann in den Klassen der Physik In einer Sondersitzung Anfang November werden die Gutachten der Klassen in einer Plenarsitzung der Akademie vorgetragen. Hier wird nun der endgültige Beschluss gefasst und der Name der Nobelpreisträger veröffentlicht. Die Preisübergabe findet an Alfred Nobels Todestag, dem 10. Dezember unter traditionell festlichen Formen statt in Anwesenheit der Königlichen Familie, der Regierung, des Diplomatischen Corps, hohen Beamten und Repräsentanten der Kultur und Wissenschaft. Jeder Preisträger empfängt Diplom und Medaille von Seiner Majestät dem König nach einer Präsentation eines Mitgliedes des Nobelkomitees. Der endgültige Beschluss erfordert somit eine umfangreiche und zeitraubende Arbeit für die Mitglieder der Nobelkomitees, vor allem für die Mitglieder der Nobelkomitees. Sie sind sich wohl ihrer Verantwortung bewusst, die heute wohl in gewisser Hinsicht noch größer ist als vor 50 Jahren. Vor allem deshalb, weil die Wahl der Preisträger heute mit viel mehr Aufmerksamkeit sowohl von der wissenschaftlichen Welt als auch von Laien verfolgt wird. Es ist nicht verwunderlich, dass man manchmal geneigt ist, den Zweifel zu teilen, den gewisse Mitglieder der Akademie der Wissenschaften hegten, als Nobels Testament veröffentlicht wurde, über die praktische Möglichkeit zu einem gerechten Beschluss zu kommen. Vor allem, wenn es den Literatur- und Friedenspreis gilt, sind subjektive Momente in der Beurteilung kaum zu vermeiden. Es sollte wohl leichter sein, wissenschaftliche Preise zu erteilen, weil es sich hier um Leistungen von ganz internationalem Charakter handelt, die objektiv beurteilt werden können. Subjektive Wertschätzungen treten hierbei zurück, wenn man sie auch nicht gänzlich vermeiden kann. Die Mitglieder der Nobelkomitees sind ja auch nur Menschen. Man findet in den Preisvorschlägen Jahr für Jahr so ungefähr ein Drittel bzw. die Hälfte von 20 bis 40 Kandidaten, die immer wieder vorkommen, obwohl die Mehrzahl der Antragsteller jährlich wächst. Dies deutet jedoch darauf hin – und das ist ganz interessant – dass es eine ganz markante „Wertopinion“ [Meinungen/Ansichten] unter den Forschern auf diesen Gebieten gibt, die nur wenige Namen bevorzugen. Auf diese Weise wird die Arbeit der Komites wesentlich erleichtert. Ich möchte bei dieser Gelegenheit an diejenigen appellieren, die das Recht haben, Kandidaten vorzuschlagen, den Komitees mit gut motivierten Nominierungen zu helfen. Ich will jedoch hervorheben, dass man offenbar nicht selten den Sinn der Einladung Vorschläge zu machen, missversteht. Es ist selbstverständlich nicht die Meinung, dass man zunächst in erster Linie irgendeinen Kollegen an der gleichen Universität oder des eigenen Landes vorschlagen soll, wenn man nicht dafür besonders gute Gründe hat. Es handelt sich ja um einen internationalen Preis und man muss gänzlich von nationalen und lokalpatriotischen Gefühlen absehen. Ein anderes Problem, welches in jüngster Zeit Schwierigkeiten gegeben hat, ist die Beurteilung der Einsätze der verschiedenen Forscher in eine Entdeckung, die durch Gruppenarbeit – Teamwork – gemacht worden ist. Dies erfordert oft eine Inside Information, die schwer zu erhalten ist und es besteht eine Gefahr für Ungerechtigkeiten durch ein salomonisches Urteil. Unser Wunsch ist, die Ansicht zu verbreiten, dass ein geteilter Preis ebenso ehrenvoll ist wie ein ungeteilter. Es ist nur eine technische Frage, wenn eine Teilung stattfinden muss. Das ist heute leichter zu akzeptieren, da trotz allem der Geldbetrag in den Hintergrund gerückt ist im Vergleich zur Ehre der Auszeichnung. Wenigstens wollen wir die Sache so sehen. Im Bewusstsein der Schwierigkeiten, die bei der Beurteilung einer wissenschaftlichen Entdeckung erwartet werden konnten, bestimmte Nobel, dass wissenschaftliche Nobelinstitute gegründet werden sollten, wo die Experimente wiederholt und die Entdeckungen kontrolliert werden sollten. Das erscheint wohl heute ziemlich weltfremd. Es gibt jedoch in Stockholm eine Anzahl Nobelinstitute, das erste wurde von Svante Arrhenius gegründet. Aber sie dienen in anderer Weise dem Zweck, den Nobel besonders fördern wollte. Dort kann man nämlich führenden Forschern gute Arbeitsmöglichkeiten bereiten, was dazu beiträgt, ein hohes wissenschaftliches Niveau zu schaffen, was ja eine Grundvoraussetzung für die Preisverleihung ist. Man hört natürlich nicht selten die Frage, warum hat nicht der oder der Forscher den Nobelpreis erhalten? Seltener ist glücklicherweise die Frage, warum eigentlich Professor X den Nobelpreis bekommen hat, aber dabei spielt vielleicht das Taktgefühl eine Rolle. Dazu möchte ich erstens sagen, dass nach den Bestimmungen des Testaments die Belohnungen für Entdeckungen des letzten Jahres eigentlich ausgeteilt werden sollten. Aus leicht ersichtlichem Grunde wurden die Verordnungen mehr elastisch formuliert. Ein Preis kann somit für irgendein von den neuesten Resultaten der verschiedenen Kulturgebiete ausgeteilt werden, aber ältere Arbeiten nur, wenn ihre Bedeutung in letzter Zeit in Erscheinung getreten ist. Es ist vorgekommen, dass eine Entdeckung im selben Jahr anerkannt und belohnt worden ist, das gilt für den Physikpreis an Yang und Lee im letzten Jahr. Aber im Allgemeinen handelt es sich um Resultate, die schon einige Jahre alt sind. Es wäre nicht im Einklang mit dem Testament auf viel ältere Forschungsergebnisse zurückzugehen. Weiterhin möchte ich hervorheben, dass im Testament von einer wichtigen Entdeckung, Erfindung oder Verbesserung die Rede ist. Deshalb ist es kaum möglich, einen Preis für zum Beispiel rein theoretische Arbeiten auszuteilen, wenn sie nicht zu neuen, wichtigen Entdeckungen geführt und dadurch ihre Fruchtbarkeit erwiesen haben. Es kann außerdem kein Preis für sozusagen allgemeines gutes Benehmen in dem fraglichen Wissenschaftsbereich ausgegeben werden. Man muss auf irgendeine oder mehrere Entdeckungen von hinreichender Bedeutung hinweisen können. Hier können jedoch viele schwere Grenzfälle auftreten. Es gibt einen Typ führender Forscher, die einen außerordentlichen großen Einfluss durch anregende Lehr- und Forschertätigkeit auf ihre Wissenschaft ausüben und damit im Sinne des Testaments des Preises wert erscheinen, wo es aber Schwierigkeiten geben kann, auf irgendeine bestimmte, sehr bedeutende Entdeckung hinzuweisen. Es kann also vielleicht wie in einer Diskussion einmal in dem Komitee vorkommen, dass man sagt, der Mann soll selbstverständlich einen Nobelpreis haben, aber wir wissen nicht genau wofür. Ebenso gibt es auch Entdeckungen und Erfindungen von größter Bedeutung, die erst in Etappen hervor gewachsen sind, wo eine Anzahl Forscher an verschiedenen Phasen der Entdeckung beteiligt waren. Dabei kann es sehr schwierig sein, einen oder einige wenige Kandidaten besonders hervorzuheben. Man möchte natürlich am liebsten sehen, dass die Nobelpreise so weit wie möglich die wichtigsten Fortschritte auf den entsprechenden Kulturgebieten decken sollten. Aber dies ist aus den oben genannten Gründen und vielleicht auch aus anderen nicht leicht zu erreichen. Die Preisausteiler versuchen sicherlich, das Beste zu tun, aber wie gesagt, sie sind auch nur Menschen mit allen Fehlern und Mängeln. Es ist interessant, dass Alfred Nobel sich zunächst dachte, dass die Belohnung einem jungen, bis dahin vielleicht kaum bekanntem Forscher zuerkannt werden sollte, der für ihn den Durchbruch bedeuten könnte und dadurch seine zukünftigen Arbeiten fördern sollte. Wie wünschenswert es auch wäre, in diesem Falle den idealistischen Intentionen des Testators folgen zu können, ist es aus offenbar praktischen Gründen unmöglich. Man durfte doch der Ansicht sein, dass die Intentionen insofern in Erfüllung gegangen sind, weil ein Nobelpreis dem Empfänger im Allgemeinen merkbar erleichtert, weitere Hilfe für seine Forschung vom Staat oder privaten Fonds zu erhalten. Es ließen sich viele Beispiele hierfür angeben, besonders in letzter Zeit. Die materielle Stütze, die auf dieser Weise einem Preisträger zugutekommt, ist sicherlich oft vielmals größer als die Preissumme selbst. Auch wenn das nicht einzig und allein eine Folge des Nobelpreises ist, stellt man doch mit Befriedigung fest, dass in dieser Weise der gesunkene Realwert des Preisbetrags gewissermaßen kompensiert worden ist, wenn es sich um Hilfe und Anerkennung eines Forschers oder Dichters handelt. Ich habe mich hier ein wenig an ökonomischen Gesichtspunkten aufgehalten, aber diese sollten wohl nicht zuerst genannt werden, wenn man von der Bedeutung des Nobelpreises für die Preisträger spricht. Ich glaube, dass ich meine eigene Einstellung zu dieser Frage am besten ausdrücken kann, wenn ich einige Abschnitte aus zwei Reden zitiere, die ich an Nobelfesten gehalten habe. In der ersten Rede sprach ich als Repräsentant der Nobelstiftung zu den Preisträgern. In der zweiten – ein Jahr später, wo ich selbst Preisträger wurde –, versuchte ich, meinem Dank Ausdruck zu geben. Zu den Preisträgern des Jahres 1947 sagte ich in meiner Rede während des Banketts am 10. Dezember u.a. und jetzt muss ich englisch sprechen: In der Wissenschaft und der Medizin hat Ihre Arbeit bei der Suche nach der Wahrheit neue Naturgesetze enthüllt und neue Forschungsfelder eröffnet, die von höchster Wichtigkeit für das Wohlergehen der Menschheit sind. Und in der Literatur wurden neue Wahrheiten einer anderen Art ans Licht gebracht, so wie nur die Kunst in ihrer höchsten und edelsten Form dazu fähig ist. Wenn ein neuer Gedanke geboren wird oder eines der tiefsten Geheimnisse sich dem suchenden Wissenschaftler erschließt, genau in diesem Akt des Schöpfens findet sich eine reine und ursprüngliche Freude, die tiefer geht als alles andere, was der menschlichen Erfahrung jemals zuteilwerden kann. Diese Ansicht wurde vom großen schwedischen Chemiker Carl Wilhelm Scheele in einem einfachen Satz formuliert, als er vor etwa 150 Jahren schrieb: [Schwedisch]. Zu Deutsch: „Es ist eine Wahrheit, die wir zu wissen begehren, und welch Freude es ist, wenn wir sie finden.“ Nobelpreisträger, wie in jeder schaffenden Arbeit müssen Ihre Erfolge Ihnen Momente dieser höchsten Freude beschert haben, so wie sie Scheele im Sinn hatte, als er diese Worte schrieb. Wahrscheinlich hat Ihre Arbeit auch viele Male, wahrscheinlich sogar nicht selten, auch Enttäuschungen bereit gehalten. Wir sind jedenfalls nicht der Meinung, dass selbst die höchsten Ehrungen und die zutiefst empfundene Anerkennung für Sie mehr sein kann als ein blasses Abbild jener tiefen Befriedigung, die Sie bei Ihrer Arbeit empfunden haben müssen. Wir glauben jedoch, dass uns die Nobelpreise eine angemessene Möglichkeit geben, unsere Schuldigkeit auszudrücken, eine Schuldigkeit der ganzen zivilisierten Welt gegenüber diesen Pionieren der Wissenschaft, der Medizin und der Literatur, die durch Ihre Taten diese Zivilisation bereichert haben und den Weg für deren künftige Entwicklung aufgezeigt haben. Wir möchten, dass Sie Ihre Auszeichnungen als das ansehen, was sie sein sollten und was sie sind: ein Ausdruck der Dankbarkeit der Menschheit. Und 1948 bei derselben Gelegenheit versuchte ich, meine Dankbarkeit als Preisträger mit u.a. folgenden Worten Ausdruck zu geben: Alfred Nobel war ein großer Idealist mit ausgesprochen internationaler Veranlagung. Er wollte mit seiner Stiftung auf bester Weise solche Leistungen fördern, die er persönlich von größtem Nutzen für die Menschheit ansah. Dass er gerade Preise stiftete, zeigt, dass er an individuelle Spitzenleistungen auf den Gebieten der menschlichen Kultur glaubte als ein wesentliches Glied zum Fortschritt. Auf diesem Nobelfest in Stockholm, auf diesem Fest, das Alfred Nobels Gedächtnis gewidmet ist und als festliche Einrahmung zur Preisausteilung dient, liegt es nahe, die Frage zu stellen: In welchem Ausmaße ist der Fortschritt in Literatur und Wissenschaft mit den persönlichen Einsätzen der Dichter und Forscher verknüpft? Dass es so ist, dürfte für alle offenbar sein. Aber es liegt doch ein Wesensunterschied zwischen diesen Formen des geistigen Schaffens vor. Man kann sie nicht ganz aus demselben Gesichtswinkel betrachten. Der Dichter sowie der schaffende Künstler geben in ihren Werken in höherem Maße Ausdruck ihrer Persönlichkeit, als der Forscher vermag. Das Werk des Dichters trägt sein individuelles Signum. Deshalb ist er als Individuum unentbehrlich für die Kulturentwicklung. Der Wissenschaftler aber sucht die objektive Wahrheit, die unabhängig sein muss von seiner individuellen Persönlichkeit. Über die wissenschaftlichen Entdeckungen kann mit Gewissheit gesagt werden, dass sie nicht, wird sie von dem einen gemacht, früher oder später von dem anderen gemacht werden müssen. Begreiflicherweise mit starkem Nachdruck auf früher oder später. Die gewaltige Entwicklung der Naturwissenschaft und Medizin erscheint heute zuweilen als ein organischer Wachstumsprozess, der seinen eigenen Gesetzen folgt, wo die individuelle Leistungen oft schwer zu unterscheiden und auseinanderzuhalten sind. Nicht selten wird eine gleiche Entdeckung in verschiedenen Erdteilen nur mit wenigen Tagen, Wochen oder Monaten Zwischenzeit gemacht. Die intensive und schnelle wissenschaftliche Kommunikation in der Welt trägt dazu bei und hat es mit sich geführt, dass die Forschungen auf vielen Gebieten als ein riesengroßes internationales Teamwork betrieben wird. Für die Wissenschaft und somit für den Fortschritt der Kultur kann dies nur von Nutzen sein. Für den einzelnen Forscher und für seine Auffassung über die Rolle seines eigenen Einsatzes in der Entwicklung dürfte dies ein nützliches Memento im Augenblick von Selbstüberschätzung sein. Dies waren nur einige Reflexionen, die sich mir aufdrängen, wenn man selbst Gegenstand der größten Auszeichnung ist, die einem Wissenschaftler zuteilwerden kann. Zu dem, was ich hier bereits gesagt habe, möchte ich jetzt nur Folgendes hinzufügen. Das große Vertrauen, das Alfred Nobel seinen skandinavischen Landsleuten geschenkt hat, bedeutet eine sehr große Verantwortung, die heute wohl viel schwerer gefühlt wird, als in den ersten Jahren der Preisausgaben. Diese Aufgabe ist jedoch allmählich eine nationale Angelegenheit geworden, über die wir stolz sind und wo wir keine Mühe sparen wollen, um Alfred Nobels Vertrauen zu erfüllen. Gleichzeitig sind wir jedoch für die Mitwirkung von ausländischen Kollegen dankbar, vor allem denjenigen, die berechtigt sind, Vorschläge zu machen. Die Nobelpreise sind eine Manifestation von gemeinsamen übernationalen Idealen und müssen es auch für die Zukunft bleiben. Wenn es Zeit gibt, möchte ich jetzt gern ganz kurz einige Bilder zeigen, die einige Sachen zeigen sollen, wovon ich hier gesprochen habe. Dies ist also eine Reproduktion von Alfred Nobels berühmtem Testament in Schwedisch geschrieben und in Paris datiert. Das ist das Gemälde aus der Nobelstiftung in Stockholm und zeigt also Nobel in seinem Laboratorium. Das ist Thomas Manns Literaturnobelpreis und hier haben Sie die Nobelmedaille, den ein Ehrenpreisträger bekommt, die sind also verschieden. Auf der Rückseite mit vielen verschiedenen Gebieten, aber sie haben alle Nobels Bild auf der Vorderseite. Das sind also Bilder von der Preisverleihungszeremonie im Konzerthaus in Stockholm. Sie sehen hier die Königliche Familie und hier ist T.S. Eliot das ist 1948, wo T.S. Eliot den Literaturpreis bekommen hat. Da ist unser jetziger König, er war zu dieser Zeit Kronprinz, aber der König war krank und konnte nicht dabei sein. Hier folgt die Fortsetzung des Nobelbanketts im Stadthaus von Stockholm und die Stockholmer Studenten kommen mit ihren Fahnen und dem Nobelpreisträger des Jahres zu begrüßen. Es werden Reden ausgewechselt und es ist eine Art Doppelfest, denn das Nobelbankett ist hier oben, die Studenten, diese jungen Damen sind hier und dann nachher mischen sich die beiden sehr schnell. Das ist auch ein Nobelbankett. Das ist König Gustaf mit Prinzessin Sibylla und das ist vom Königlichen Bankett im Königlichen Schloss, das ist gewöhnlich am zweiten Tag, da hat die Königliche Familie die Liebenswürdigkeit, die Preisträger als Gäste im Schloss zu begrüßen, das ist der Präsident der Nobelstiftung mit Madam [Name] Das zeigt also Professor [Name], Preisträger der Chemie, das ist einen Mischung der beiden. Das ist das Karolingische Institut mit Kollegium von der medizinischen Preisverteilung und da sehen Sie einige private Diskussionen in der Akademie der Wissenschaften im Zusammenhang mit dieser Sitzung, wo die Preise für Physik und Chemie ausgeteilt werden. Das sind Professor The Svedberg auch Nobelpreisträger der Chemie und für Medizin Professor [Name]. Und hier ist die Direktion der Nobelstiftung und hier sitzen also die Preisträger, das ist 1932 im Konzerthaus. Der damalige Präsident Hammarskjöld, der Vater von Dag Hammarskjöld, spricht und die Preisträger sitzen hier, die Mitglieder der Nobelkommission sitzen dahinten. Und schließlich sehen Sie das Haus der Nobelstiftung in Stockholm, das ist wieder in Oslo – das Nobelinstitut in Oslo und eine sehr wichtige Sache, ein Scheck der Preisträger.

Arne Tiselius (1958)

The Nobel Foundation: Some Thoughts on Its Work and Function (German presentation)

Arne Tiselius (1958)

The Nobel Foundation: Some Thoughts on Its Work and Function (German presentation)

Comment

Arne Tiselius was a Swedish chemist. He received the 1948 Nobel Prize in Chemistry "for his research on electrophoresis and adsorption analysis [...]". Before becoming a Nobel Laureate himself, Tiselius had already been involved in the Nobel Foundation’s committee for the chemistry prize, one of the five committees selecting the Nobel Laureates.

Drawing from his twofold experience, both in the awarding and receiving role, Tiselius uses this lecture to give an insight into the past and present of the Nobel Foundation. In doing so, he takes a surprisingly honest approach, not leaving out some of the down-to-earth difficulties in awarding a Nobel Prize “fair and square”.

Many of these difficulties have to do with Alfred Nobel’s dislike of lawyers. Tiselius cites Nobel with the saying: “Lawyers have to live and they can only do this by attempting to make everyone believe that straight lines are bent.” The practical consequence of this problematic relationship was that Nobel wrote his will without knowledgeable help, thus introducing ambiguities and unrealistic provisions. Many of these provisions had to be bypassed later on. Nobel originally intended, for example that the Prize should only be given for discoveries made during the last year. Also, the Prize should ideally be awarded to young researchers at the beginning of their career, thus enabling them to develop their ideas further. Both of these provisions turned out to be practically impossible to fulfil. Nobel furthermore intended that his money should only be invested using safe financial instruments such as government bonds. When inflation soared, this provision led to significant losses to the Nobel Foundation’s funds. It was thus overturned, allowing the investment of half of the Foundation’s funds in stock.

Lastly, Tiselius gives some insight into the technicalities of selecting the next Laureate. He illustrates for example, that sometimes, there can be candidates of whom most colleagues would say “he should have a Nobel Prize!” but who can still not be selected since they did not make a tangible singular discovery. Discussing numbers, he mentions that around 20 candidates are suggested each year in the discipline of chemistry, of which 10 usually have been suggested previously. To a certain degree, there thus can be a “waiting line” for the Prize.

All in all, Tiselius’ lecture is a highly recommendable concise introduction to the history of Alfred Nobel and the workings of the Nobel Prize. Not least because Tiselius does not forget to remind the audience that the people who are involved in selecting the next Laureate are, despite their great responsibility, still only human.

David Siegel

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