﻿WEBVTT

1
00:00:13.010 --> 00:00:14.260
Es ist mir eine Freude, hier zu sein.

2
00:00:16.280 --> 00:00:22.920
Ich möchte zunächst über die wichtigsten Probleme und Fragen sprechen, auf die ich eingehen will.

3
00:00:23.640 --> 00:00:26.690
Und tatsächlich fängt es damit an, ob es wirklich ein Verteilungsequilibrium für Wohlstand gibt

4
00:00:26.690 --> 00:00:28.370
und, falls ja, wie das bestimmt wird?

5
00:00:28.853 --> 00:00:33.983
Und worauf führen wir die Zunahme des Wohlstandskoeffizienten und die Tatsache zurück,

6
00:00:33.983 --> 00:00:38.214
dass die Kapitalerträge nicht abzunehmen scheinen?

7
00:00:38.214 --> 00:00:43.104
Die durchschnittlichen Lohnsätze, die in vielen Ländern zu stagnieren oder abzunehmen scheinen?

8
00:00:43.324 --> 00:00:47.758
Und den Anteil der Löhne, der abzunehmen scheint – zumindest in den meisten Ländern?

9
00:00:48.638 --> 00:00:57.969
Der Kontext dieser Anmerkungen ist das Buch von Thomas Piketty, das in letzter Zeit zu Recht viel Aufmerksamkeit erhalten hat.

10
00:00:58.919 --> 00:01:03.419
Dort wird von einer ständig zunehmenden Konzentration des Wohlstands gesprochen.

11
00:01:05.529 --> 00:01:16.182
Interessanterweise hebt dieses Buch besonders die Zeit hervor, in der ich aufgewachsen bin.

12
00:01:16.182 --> 00:01:21.902
Die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg war das goldene Zeitalter des Kapitalismus.

13
00:01:22.335 --> 00:01:26.616
Als ich aufwuchs, war mir nicht bewusst, dass das die beste Zeit des Kapitalismus war, die es je gab.

14
00:01:27.146 --> 00:01:34.116
Denn ich erlebte damals Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Arbeitskämpfe – all die Dinge, die nicht so glänzten.

15
00:01:34.564 --> 00:01:40.028
Aber dann erfuhr ich aus Pikettys Buch, dass das der beste Kapitalismus war, den es je gegeben hat.

16
00:01:40.409 --> 00:01:50.467
Und dass die Ungleichheit in der Zeit nach 1980 in einer Weise zunahm,

17
00:01:50.467 --> 00:01:58.887
dass sie uns auf den Stand des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen hat.

18
00:01:59.811 --> 00:02:05.499
Wie ich gleich erklären werde, gibt es jedoch einen grundlegenden Unterschied

19
00:02:05.499 --> 00:02:21.330
zwischen der Ungleichheit in der Zeit nach 1980 und in der Zeit vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten oder Zweiten Weltkrieg.

20
00:02:21.856 --> 00:02:27.672
Und der ist dadurch gekennzeichnet, dass die Löhne im 19. Jahrhundert enorm gestiegen sind.

21
00:02:28.245 --> 00:02:32.120
Der Lebensstandard verbesserte sich damals für die meisten Bürger enorm.

22
00:02:32.748 --> 00:02:37.218
Was wir aber seit 1980 erleben, ist in Wirklichkeit Stagnation.

23
00:02:38.088 --> 00:02:48.139
Wir stehen also vor einem rätselhaften Phänomen, nämlich der Frage, warum die Welt nach 1980 anders ist von der Welt davor.

24
00:02:48.139 --> 00:02:54.839
Wir stehen vor einem Rätsel, das mit den Bewegungen bei den Löhnen und Kapitalerträgen zu tun hat.

25
00:02:55.715 --> 00:03:00.165
Die Standardtheorie besagt, dass ein Anstieg des Verhältnisses Kapitaleinsatz/Arbeitsplätze

26
00:03:00.165 --> 00:03:05.455
zu einer Abnahme der Kapitalerträge und einer Zunahme der durchschnittlichen Löhne führen sollte.

27
00:03:06.186 --> 00:03:09.026
Das gilt sogar in Modellen mit vielen Kapitalarten.

28
00:03:09.026 --> 00:03:13.056
Wenn es also einen fachkräfteabhängigen Technologiewandel gibt,

29
00:03:13.056 --> 00:03:16.666
ändern sich die relativen Löhne, aber nicht die Durchschnittslöhne.

30
00:03:16.946 --> 00:03:20.307
Der Tatsache also, dass die Durchschnittslöhne steigen sollten.

31
00:03:20.365 --> 00:03:26.285
Es gibt einige bedeutende Aggregationsprobleme, die in fast allen Makroökonomien unter den Tisch gekehrt werden,

32
00:03:26.285 --> 00:03:27.615
aber tatsächlich erstrangig sind.

33
00:03:27.815 --> 00:03:33.885
Bedeutende Probleme, die diskutiert wurden und die Anwendbarkeit von makroökonomischen Standardmodellen effektiv einschränken.

34
00:03:33.885 --> 00:03:37.316
Aber das ist ein ziemlich allgemeines Ergebnis.

35
00:03:37.706 --> 00:03:42.226
Ein Technologiewandel oder eine Effizienzsteigerung infolge der Globalisierung

36
00:03:42.226 --> 00:03:46.697
müsste nach den Erwartungen einen weiteren Anstieg der Durchschnittslöhne verursachen.

37
00:03:48.166 --> 00:03:53.987
Und Untersuchungen zur Substitutionselastizität legen nahe, dass die Elastizität unter eins liegt,

38
00:03:54.207 --> 00:04:00.647
so dass ein Anstieg des Verhältnisses Kapitaleinsatz/Arbeitsplätze

39
00:04:00.647 --> 00:04:04.088
oder der Effekt der Kapitalintensität zu einem verringerten Kapitalanteil führen müsste.

40
00:04:04.088 --> 00:04:14.658
Lassen Sie mich eben schnell einige der Daten nennen, über die Piketty gesprochen hat,

41
00:04:14.658 --> 00:04:16.598
und einige Probleme ansprechen, auf die ich gerade hingewiesen habe.

42
00:04:16.598 --> 00:04:17.549
Ich mach es ganz kurz.

43
00:04:18.379 --> 00:04:26.349
Die Standardgrafik zeigt, dass die Ungleichheit an der Spitze – und das ist nur ein Aspekt der Ungleichheit,

44
00:04:26.349 --> 00:04:33.910
da es auch eine Schwächung in der Mitte und eine Armutszunahme unten gibt – ein Maß erreicht hat,

45
00:04:33.910 --> 00:04:37.190
wie es seit der Zeit vor der Großen Depression nicht mehr erlebt wurde.

46
00:04:38.870 --> 00:04:47.391
Zweitens möchte ich zeigen, dass die Trickle-Down-Wirtschaft nicht so funktioniert, wie man üblicherweise geglaubt hat.

47
00:04:47.391 --> 00:04:52.011
Irgendwie hat doch die Idee, dass der Wohlstand an der Spitze

48
00:04:52.011 --> 00:04:55.491
irgendwann bis in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern müsste, noch nie so richtig funktioniert.

49
00:04:55.491 --> 00:04:56.681
Ich wünschte, die Theorie wäre wahr.

50
00:04:56.681 --> 00:05:01.338
Denn dann müsste es allen gut gehen, weil wir an der Spitze so viel Geld ausgegeben haben.

51
00:05:01.338 --> 00:05:07.388
Aber in Wirklichkeit liegt das mittlere Einkommen, wie auf dieser Folie zu sehen,

52
00:05:07.388 --> 00:05:10.499
in den USA auf einem Niveau wie vor einem Vierteljahrhundert.

53
00:05:11.749 --> 00:05:15.469
Natürlich sind unterschiedliche demografische Gruppen unterschiedlich betroffen.

54
00:05:15.749 --> 00:05:19.469
Das hier ist ein Durchschnitt oder ein mittlerer Wert.

55
00:05:19.469 --> 00:05:24.370
Eine bedeutende Bevölkerungsgruppe, für die ich viel Mitgefühl habe, sind Männer.

56
00:05:24.370 --> 00:05:33.250
Und wenn wir die Durchschnittslöhne eines männlichen Vollzeitarbeitnehmers in den USA betrachten,

57
00:05:33.250 --> 00:05:37.600
sind die geringer als vor 40 Jahren.

58
00:05:37.600 --> 00:05:42.341
Ich sage also, dass der Kapitalismus versagt.

59
00:05:43.026 --> 00:05:50.287
Jedes Wirtschaftssystem, das nicht für sehr große Bevölkerungsgruppen gut ist,

60
00:05:50.287 --> 00:05:53.897
nicht für den Großteil der Bürger gut ist, ist ein Wirtschaftssystem, das versagt.

61
00:05:54.177 --> 00:05:57.697
Und in diesem Sinne hat der Kapitalismus in Amerika – und das gilt für viele weitere Länder –

62
00:05:57.697 --> 00:06:01.617
sicherlich versagt und zwar ziemlich schlimm.

63
00:06:02.187 --> 00:06:04.788
Das hat nichts damit zu tun, dass die Produktivität nicht gestiegen ist.

64
00:06:04.788 --> 00:06:08.338
Tatsächlich hat die Produktivität enorm zugenommen.

65
00:06:08.778 --> 00:06:14.768
Diese Grafik zeigt, dass die Produktivität in den letzten 40 Jahren um 100% zugenommen hat.

66
00:06:15.848 --> 00:06:19.489
Es ist nur so, dass die meisten Bürger nichts davon haben.

67
00:06:19.979 --> 00:06:25.729
Auf dieser Folie ist zu sehen, dass die Durchschnittslöhne in den USA im Laufe der letzten 40 Jahre –

68
00:06:25.929 --> 00:06:31.159
das hier sind die Stundenlöhne – tatsächlich um 7% zurückgegangen sind.

69
00:06:32.069 --> 00:06:36.880
Die gesamte Produktivitätssteigerung ist woanders gelandet.

70
00:06:38.370 --> 00:06:45.160
Etwas, worüber ich nicht so viel reden kann, eine Dimension von Ungleichheit, die von großer Bedeutung ist.

71
00:06:45.160 --> 00:06:48.741
Insbesondere im rechten politischen Lager ist immer die Rede davon,

72
00:06:48.741 --> 00:06:58.441
dass uns nicht die Ungleichheit von Ergebnissen interessiert, sondern die Gleichheit der Chancen.

73
00:07:00.131 --> 00:07:01.882
Aber auch darum ist es nicht gut bestellt.

74
00:07:03.382 --> 00:07:13.842
Die Chancenungleichheit variiert von Land zu Land.

75
00:07:14.352 --> 00:07:20.103
In den USA, die von sich selbst als dem amerikanischen Traum reden und die sich selbst für das Land der Chancengleichheit halten,

76
00:07:20.103 --> 00:07:26.753
sind die Lebensaussichten eines jungen Amerikaners tatsächlich stärker vom Einkommen

77
00:07:26.753 --> 00:07:31.224
und von der Ausbildung seiner Eltern abhängig als in anderen Industrieländern.

78
00:07:31.224 --> 00:07:35.834
Die Vorstellung also, Amerika sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ist eher ein Märchen.

79
00:07:35.834 --> 00:07:42.264
Statt vom amerikanischen Traum sollten wir eher vom dänischen Traum oder vom skandinavischen Traum reden.

80
00:07:42.794 --> 00:07:47.755
Und da erkennt man eine eindeutige Beziehung.

81
00:07:47.755 --> 00:07:53.765
Es wäre tatsächlich ein wichtiges Forschungsthema herauszufinden, warum das so ist.

82
00:07:54.185 --> 00:08:01.756
Aber es ist recht gut dokumentiert und ersichtlich – nicht nur länderübergreifend, sondern auch bezirksübergreifend in den USA –,

83
00:08:01.756 --> 00:08:10.866
dass in Ländern mit größerer Ergebnisungleichheit auch eine größere Chancenungleichheit besteht.

84
00:08:10.866 --> 00:08:15.257
Es gibt viele weitere Dimensionen von Ungleichheit, über die ich reden könnte.

85
00:08:15.257 --> 00:08:22.317
Aber mir stehen nur 21:41 Minuten zur Verfügung, also mache ich schnell weiter.

86
00:08:22.805 --> 00:08:29.576
Ich möchte an diesem Vormittag auf einige dieser anomalen Sachverhalte eingehen, was passiert.

87
00:08:30.356 --> 00:08:39.486
Das grundlegende Problem in Pikettys Arbeit und die einfache Auflösung der Zwickmühle,

88
00:08:39.486 --> 00:08:44.237
die seine Analyse aus einer theoretischen Perspektive liefert,

89
00:08:44.237 --> 00:08:50.727
ist die fundamentale Verwechslung von zwei Variablen, nämlich Wohlstand und Kapital.

90
00:08:51.277 --> 00:08:56.057
Er beschreibt, dass der Wohlstand zunimmt – das Verhältnis zwischen Wohlstand und Leistung

91
00:08:56.057 --> 00:09:01.818
und das Verhältnis zwischen Wohlstand und Arbeit nimmt zu – aber dass das nicht bedeutet, dass das Kapital ansteigt.

92
00:09:02.548 --> 00:09:05.978
Wenn man ein sehr einfaches Modell anwendet, sind Vermögen und Kapital gleich.

93
00:09:06.618 --> 00:09:08.708
Aber im Allgemeinen sind sie es nicht.

94
00:09:10.208 --> 00:09:14.958
Der größte Anstieg im Wert von Vermögen liegt im Anstieg des Bodenwertes.

95
00:09:16.319 --> 00:09:20.619
Es gibt nicht mehr Grundstücke, sondern die Grundstückspreise sind gestiegen.

96
00:09:22.752 --> 00:09:30.892
Die K-Daten, der Wert des Kapitals, zeigen tatsächlich einen Rückgang des Verhältnisses

97
00:09:30.892 --> 00:09:33.692
zwischen Kapitaleinsatz und Arbeitsplätzen in vielen Ländern.

98
00:09:33.692 --> 00:09:40.983
In Pikettys eigenem Land, in Frankreich, ist das Kapital laut den Daten, die ich von der OECD erhielt,

99
00:09:40.983 --> 00:09:46.983
ist der Kapitalstock tatsächlich zurückgegangen.

100
00:09:47.803 --> 00:09:50.004
Es gibt weitere bedeutende Bewertungsprobleme.

101
00:09:50.004 --> 00:09:57.314
Ich betone das, weil viel zu oft, insbesondere im Bereich der Makroökonomie, einfach die Daten aus der

102
00:09:57.314 --> 00:10:03.194
volkswirtschaftlichen Gesamtwirtschaft zugrunde gelegt werden, ohne sich zu fragen, was die Daten eigentlich bedeuten.

103
00:10:03.814 --> 00:10:06.585
Und das gilt insbesondere, wenn es um Kapitaldaten geht.

104
00:10:07.765 --> 00:10:14.775
So könnte beispielsweise der Wert von Kapital aufgrund einer Zunahme der Monopolmacht steigen.

105
00:10:15.325 --> 00:10:20.846
Eine Zunahme der Monopolmacht bedeutet, dass die Monopoleinkünfte zunehmen.

106
00:10:21.316 --> 00:10:26.316
Der kapitalisierte Wert dieser Monopoleinkünfte schlägt sich in Aktienmarktwerten nieder.

107
00:10:26.384 --> 00:10:37.104
Es gibt Gründe, uns nicht darüber zu wundern, dass Monopoleinkünfte aufgrund einer Zunahme von Netzwerkeffekten steigen könnten,

108
00:10:37.104 --> 00:10:42.795
die in Bereichen wie der Computerisierung und Telekommunikation beobachtet wurden.

109
00:10:43.805 --> 00:10:51.695
Der zweite Aspekt ist, dass es eine Ressourcenverschiebung vom staatlichen auf den Privatsektor geben könnte.

110
00:10:51.695 --> 00:10:55.476
Beispiel dafür ist der Wert staatlicher Hilfsmaßnahmen.

111
00:10:56.136 --> 00:10:58.336
In jedem dieser Fälle gibt es einen Negativfaktor,

112
00:10:58.336 --> 00:11:01.806
aber dieser Negativfaktor wird in unseren Berechnungen nicht so ausgewiesen, wie er sollte.

113
00:11:02.326 --> 00:11:08.006
Im ersten Fall gibt es bei einer  Zunahme der Monopolmacht eine Abnahme im Wert des Humankapitals.

114
00:11:08.006 --> 00:11:13.317
Aber wenn wir über Vermögen reden, berücksichtigen wir die Abnahme im Wert des Humankapitals nicht.

115
00:11:13.816 --> 00:11:18.576
Im Falle der Ressourcenverschiebung vom staatlichen auf den Privatsektor

116
00:11:19.067 --> 00:11:24.567
erwähnen wir die Abnahme des Steuerzahlervermögens in den Daten nicht.

117
00:11:29.179 --> 00:11:36.270
Als nächstes müssen wir uns die Frage stellen, was nach unserer Einschätzung die Zunahme von Bodenwerten erklärt.

118
00:11:37.060 --> 00:11:43.900
Eine Wertsteigerung von Grundstücken bedeutet nicht, dass mehr produktives Land zur Verfügung steht.

119
00:11:45.210 --> 00:11:55.141
Gründe dafür, warum Bodenwerte steigen, sind beispielsweise einige russische Oligarchen, denen es gelungen ist,

120
00:11:55.141 --> 00:12:02.951
ihrem Land Geld zu stehlen, sehr reich zu werden und dann mehr Land an der Rivera in Südfrankreich erwerben.

121
00:12:04.171 --> 00:12:08.031
Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Trickle-Down-Effekte funktionieren.

122
00:12:08.031 --> 00:12:13.112
Der Reichtum sickert von den russischen Oligarchen auf die reichen Menschen in Frankreich durch. (Lachen)

123
00:12:13.112 --> 00:12:20.502
Der Grundstückspreis an der Rivera steigt – bei gleichem Blick aufs Meer und gleichem Wasser wie vorher.

124
00:12:20.502 --> 00:12:24.193
Allerdings haben weniger Menschen etwas davon.

125
00:12:24.522 --> 00:12:27.983
Aber im Sinne des Wertes nimmt das Vermögen zu.

126
00:12:28.675 --> 00:12:34.755
Mit der nächsten Folie – auf die ich nicht eingehen kann, weil Peter meine Zeit beschnitten hat –

127
00:12:35.455 --> 00:12:40.706
können wir den Wert derartiger positionaler Güter zu erklären versuchen.

128
00:12:40.706 --> 00:12:52.060
Und wir können aufzeigen, dass bei einem Anstieg des Vermögens ein Anstieg dieser positionalen Güter erfolgen kann,

129
00:12:52.060 --> 00:12:59.439
der tatsächlich zu einer Abnahme des Wertes K, des Kapitalstocks, führt.

130
00:13:00.139 --> 00:13:02.912
Es gibt eine weitere mögliche Erklärung dafür, was geschieht.

131
00:13:03.201 --> 00:13:11.456
Und das hat mit der dynamischen Instabilität zu tun, die in Theorien über heterogene Kapitalgüter gut erforscht ist.

132
00:13:13.103 --> 00:13:18.813
In den Theorien über heterogene Kapitalgüter kann man bei Vorhandensein vieler Kapitalgüter nachweisen,

133
00:13:18.813 --> 00:13:21.477
dass das Equilibrium ein Sattelpunkt ist.

134
00:13:21.869 --> 00:13:27.175
Und ohne sich unendlich weit in die Zukunft ausdehnende Terminmärkte oder eine unendliche Weitsicht

135
00:13:27.175 --> 00:13:33.570
gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass der Grenzwert, dass die Transversalitätsbedingungen erfüllt werden.

136
00:13:33.861 --> 00:13:37.397
Solche Ideen kann man direkt übersetzen:

137
00:13:37.397 --> 00:13:43.770
zwei Arten von Kapital, physisches Kapital, das produktiv ist, und der Wert von Grundstücken.

138
00:13:44.032 --> 00:13:52.769
Und die dynamische Instabilität zeigt sich in der Menge der Kapitalgüter und dem Wert von Boden.

139
00:13:52.769 --> 00:13:54.221
Es besteht eine dynamische Instabilität.

140
00:13:54.563 --> 00:14:01.392
Zu vermuten ist, dass wir uns möglicherweise auf einem dieser instabilen Pfade befinden, bei dem der Wert von Boden steigt.

141
00:14:01.646 --> 00:14:10.190
Und schließlich wird eine Korrektur dieses Kurses erfolgen.

142
00:14:10.190 --> 00:14:19.516
Aber selbst im Falle einer Korrektur kann sich leider eine weitere Grundstücksblase in der Art entwickeln,

143
00:14:19.516 --> 00:14:24.314
wie wir sie wiederholt in kapitalistischen Wirtschaftsordnungen erlebt haben.

144
00:14:25.665 --> 00:14:32.117
Der nächste Aspekt, dieses Problem beiseite legend, hilft,

145
00:14:32.519 --> 00:14:42.751
das anomale Verhalten des zunehmenden Wohlstands zu erklären, während die Zinsen nicht gleichzeitig gefallen sind.

146
00:14:42.751 --> 00:14:48.798
Dies besagt, dass man nicht über nicht gefallene Zinsen staunt, weil der Kapitalstock nicht zugenommen  hat.

147
00:14:49.375 --> 00:14:52.004
In Wirklichkeit ist nur der Wert der Grundstücke gestiegen.

148
00:14:52.629 --> 00:14:55.643
Aber es gibt einen weiteren wirklich interessanten Aspekt in der Arbeit von Piketty.

149
00:14:55.643 --> 00:15:03.830
Er hält eine ständig zunehmende Ungleichheit in der Vermögensverteilung für möglich.

150
00:15:04.241 --> 00:15:10.479
Und das ist ein wirklich wichtiges Forschungsthema, das lange Zeit nicht intensiv untersucht wurde.

151
00:15:11.120 --> 00:15:18.035
Und man kann sehr einfache Modelle formulieren, beispielsweise anhand von Familiendynastien,

152
00:15:18.035 --> 00:15:20.635
die ihren Kindern ein Erbe hinterlassen.

153
00:15:20.906 --> 00:15:25.876
Dazu muss man lediglich einfache Differenzialgleichungen aufschreiben,

154
00:15:25.876 --> 00:15:27.937
die die daraus resultierende Vermögensverteilung beschreiben.

155
00:15:29.365 --> 00:15:36.179
In den einfachsten Modellen, in denen beispielsweise Spareinlagen als einfaches Solomodell beschrieben werden

156
00:15:36.472 --> 00:15:43.317
und einen konstanten Bruchteil von Einkünften ausmachen, erhält man einige bemerkenswerte Ergebnisse.

157
00:15:43.317 --> 00:15:50.081
Nämlich: Unabhängig von der anfänglichen Verteilung von Einkommen erhält man schließlich Vermögensgleichheit.

158
00:15:50.081 --> 00:15:53.241
Und das weicht sehr von den Piketty-Ergebnissen ab.

159
00:15:54.505 --> 00:16:05.762
Wenn Sparquote, Kapitalertrag und Wachstumsraten der Familien gleich bleiben, aber die Löhne abweichen,

160
00:16:05.762 --> 00:16:11.526
so entspricht die Vermögensverteilung laut seinen Untersuchungen exakt der Lohnverteilung.

161
00:16:12.184 --> 00:16:18.130
Es ist einfach, oder ich sollte nicht „einfach“, sondern „möglich“ sagen, dies auf stochastische Modelle zu erweitern.

162
00:16:18.130 --> 00:16:27.992
In denen beispielsweise die Löhne der Familien durch ein einfaches stochastisches Verfahren

163
00:16:28.522 --> 00:16:30.425
mit einer Regression zum Mittelwert ermittelt werden.

164
00:16:30.769 --> 00:16:36.088
Genauer gesagt: Wenn der Elternteil über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit größer,

165
00:16:36.088 --> 00:16:38.872
dass seine Kinder über etwas geringere Fähigkeiten verfügen.

166
00:16:40.599 --> 00:16:47.596
Man kann derartige Modelle mit einer unteren Vermögensgrenze formulieren – das heißt, Personen können nicht mehr als einen

167
00:16:47.596 --> 00:16:53.956
bestimmten Betrag leihen – und davon ausgehen, dass die Familien den intergenerationellen Nutzen optimieren.

168
00:16:54.305 --> 00:17:03.788
Und daraus kann man einfache Theorien über ein Vermögensverteilungsgleichgewicht ableiten, wobei die Vermögensungleichheit

169
00:17:03.788 --> 00:17:09.716
mit der Art des stochastischen Prozesses von Löhnen sowie intertemporalen Diskontfaktoren zusammenhängt.

170
00:17:10.520 --> 00:17:19.894
Ein drittes Modell, auf das man sein Interesse richten kann, ist eine Sparfunktion,

171
00:17:20.365 --> 00:17:28.535
bei der alle Spareinlagen von den Kapitalisten, also denjenigen gebildet werden, die über das Kapital verfügen.

172
00:17:28.535 --> 00:17:31.660
Das ist keine schlechte Näherung an das, was heute geschieht.

173
00:17:31.660 --> 00:17:36.540
Und dieses Modell liegt tatsächlich der Analyse von Piketty zugrunde.

174
00:17:37.491 --> 00:17:42.929
In einem solchen Fall ist beispielsweise wiederum eine implizite Annahme für vieles, was er sagt,

175
00:17:42.929 --> 00:17:46.270
dass die Sparquote des Kapitalismus bei Eins liegt.

176
00:17:46.270 --> 00:17:51.880
Und dann erhält man im langfristigen Equilibrium eine Wachstumsrate, die dem Zinssatz entspricht.

177
00:17:52.193 --> 00:17:58.730
Ein wichtiger Punkt ist hier, dass der Zinssatz eine endogene Variable ist.

178
00:17:59.241 --> 00:18:05.409
Einige von Ihnen werden wissen, dass er in seiner Analyse deutlich darauf hingewiesen hat,

179
00:18:05.675 --> 00:18:12.805
dass die Ungleichheit aufgrund der Tatsache zunimmt, dass der Zinssatz die Wachstumsrate übersteigt.

180
00:18:13.162 --> 00:18:16.316
Aber das stimmt nicht mit dem langfristigen Equilibrium überein.

181
00:18:16.678 --> 00:18:19.008
In einem langfristigen Equilibrium sind beide gleich.

182
00:18:19.464 --> 00:18:27.959
Und in diesem Fall erhält man das faszinierende Ergebnis, dass der Weg zum Vermögen aller Familien langfristig gleich wäre

183
00:18:28.177 --> 00:18:32.393
und die anfängliche Vermögensungleichheit aufrechterhalten würde.

184
00:18:34.282 --> 00:18:40.377
Worauf ich eigentlich wirklich hinaus möchte, ist, dass es hier ein wichtiges Forschungsprojekt gibt,

185
00:18:40.377 --> 00:18:50.176
das bisher nicht so intensiv untersucht wurde, wie man es sich wünscht – nämlich die Faktoren der Vermögensverteilung im Zeitverlauf.

186
00:18:51.904 --> 00:18:56.575
In einem Teil meiner Arbeit ging es um den Versuch, das zu identifizieren,

187
00:18:56.575 --> 00:18:59.995
was man als die Zentrifugal- oder Zentripetalkräfte bezeichnen könnte.

188
00:18:59.995 --> 00:19:04.982
Welche Kräfte führen zu einer zunehmenden Vermögensungleichheit?

189
00:19:05.182 --> 00:19:10.267
Und welche Kräfte reduzieren die Vermögensungleichheit?

190
00:19:12.850 --> 00:19:15.830
Wir konnten eine ganze Reihe von Faktoren identifizieren.

191
00:19:17.023 --> 00:19:20.816
Analytische Fragen, die aufkommen, sind:

192
00:19:20.816 --> 00:19:31.195
Können wir den Anstieg der beobachteten Ungleichheit interpretieren? - Sehr starke Zunahmen von Ungleichheit seit 1980.

193
00:19:32.180 --> 00:19:34.614
Bewegen wir uns von einem Equilibrium zum nächsten?

194
00:19:34.910 --> 00:19:38.236
Ist ein grenzenloser Anstieg der Ungleichheit möglich?

195
00:19:38.236 --> 00:19:41.583
Oder sind wir vorübergehend vom Equilibriumpfad abgewichen?

196
00:19:42.651 --> 00:19:50.159
Wie ich bereits erwähnte, habe ich nicht die Zeit,

197
00:19:50.159 --> 00:19:58.073
auf alle Zentrifugal- oder Zentripetalkräfte einzugehen, die eine Rolle spielen.

198
00:20:00.979 --> 00:20:07.242
Einer der Aspekte, den ich hier beleuchten kann, ist der Folgende:

199
00:20:07.242 --> 00:20:13.686
Sofern die sehr Reichen ihre Position dazu nutzen können, höhere Renditen zu erzielen – größere Investitionen in Informationen,

200
00:20:13.686 --> 00:20:19.235
mehr Mieterträge – und wenn die sehr Reichen gleiche oder höhere Sparquoten aufweisen,

201
00:20:19.235 --> 00:20:21.750
wird sich das Vermögen stärker konzentrieren.

202
00:20:21.750 --> 00:20:28.440
Auch wenn typischerweise erneut eine Gleichgewichtsverteilung von Vermögen stattfindet.

203
00:20:29.468 --> 00:20:37.437
Deshalb stellt sich die Frage: Können wir aktuelle Faktoren identifizieren,

204
00:20:37.437 --> 00:20:46.543
die zu diesem Anstieg von Vermögenseinnahmen beitragen, zur zunehmenden Ungleichheit von Vermögen und Einnahmen?

205
00:20:47.389 --> 00:20:57.262
Und da möchte ich einige Aspekte benennen, die über die Standardmodelle hinausgehen, über die geredet wurde.

206
00:20:58.689 --> 00:21:04.957
Der wichtigste Aspekt ist dabei der Versuch, über die Grenzen wirtschaftlicher Gegebenheiten hinauszugehen und sich klarzumachen,

207
00:21:04.957 --> 00:21:10.419
dass wirtschaftliche Ungleichheit zwangsläufig übersetzt wird.

208
00:21:10.625 --> 00:21:16.002
Die wirtschaftliche Ungleichheit der Größenordnung, wie sie in den USA und einigen europäischen Länder vorherrscht,

209
00:21:16.002 --> 00:21:19.471
übersetzt sich zwangsläufig in politische Ungleichheit.

210
00:21:19.891 --> 00:21:24.626
Und die politische Ungleichheit übersetzt sich in eine stärkere wirtschaftliche Ungleichheit.

211
00:21:25.187 --> 00:21:30.108
Der grundlegende und wirklich wichtige Gedanke ist hier, dass Märkte nicht in einem Vakuum existieren.

212
00:21:30.941 --> 00:21:37.378
Marktwirtschaften funktionieren nach bestimmten Regeln und Ordnungen, die ihre Funktionsweise festlegen.

213
00:21:38.285 --> 00:21:41.376
Und diese wirken sich auf die Effizienz dieser Märkte aus.

214
00:21:41.376 --> 00:21:45.999
Aber sie haben auch Einfluss darauf, wie die Früchte oder Vorteile dieser Märkte verteilt werden.

215
00:21:46.844 --> 00:21:56.451
Als Ergebnis davon gibt es eine Menge Faktoren in unseren grundlegenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die in den

216
00:21:56.451 --> 00:22:02.496
vergangenen Jahren zu einer zunehmenden Ungleichheit von Vermögen und Einkommen in unserer Gesellschaft beigetragen haben.

217
00:22:03.645 --> 00:22:12.580
Ein naheliegender Aspekt ist, wie wir verschiedenen Bevölkerungsgruppen Bildung zukommen lassen.

218
00:22:13.092 --> 00:22:18.329
Wenn wir in reichen Regionen, in reichen Landesteilen mehr Bildung bereitstellen,

219
00:22:18.329 --> 00:22:21.840
tragen wir zur Aufrechterhaltung von Vermögensungleichheit bei.

220
00:22:22.172 --> 00:22:28.284
Wenn wir den öffentlichen Transport so gestalten, dass armen Menschen der Zugang zu Arbeitsplätzen erschwert wird,

221
00:22:28.284 --> 00:22:30.371
wird Ungleichheit verstärkt.

222
00:22:30.965 --> 00:22:35.733
Wenn wir mit unseren Besteuerungssystemen Steuern auf Kapital reduzieren,

223
00:22:37.222 --> 00:22:42.922
was beispielsweise in den USA seit 1980 der Fall ist, erhalten wir mehr Ungleichheit.

224
00:22:43.656 --> 00:22:48.771
Und wenn wir die rechtlichen Rahmenbedingungen wie Insolvenzgesetze, Unternehmensführungssysteme

225
00:22:49.425 --> 00:22:55.736
oder die unangemessene Durchsetzung von Kartellgesetzen betrachten, so tragen diese Verhältnisse zur Ungleichheit bei.

226
00:22:56.184 --> 00:23:03.095
Wenn sich man sich also die Realität anschaut, überrascht das Ergebnis nicht.

227
00:23:04.578 --> 00:23:14.219
Empirisch betrachtet, zählt die zunehmende Bedeutung von vererbtem Kapital zu den hervorstechendsten Entwicklungen.

228
00:23:14.219 --> 00:23:22.918
Die Frage ist: Welche Bedeutung hat vererbtes Kapital im Vergleich zu Kapital, das im Laufe des Lebens angespart wurde,

229
00:23:22.918 --> 00:23:25.343
Ersparnisse, die Menschen aus eigener Initiative ansparen?

230
00:23:25.856 --> 00:23:31.645
Und da sind die Hinweise überwältigend: Es gibt eine signifikante Zunahme der relativen Bedeutung von vererbtem Kapital.

231
00:23:32.234 --> 00:23:39.249
Ich kann hier nicht wirklich auf dieses Thema eingehen, bis auf die Bemerkung, dass es einfach und wichtig ist,

232
00:23:39.249 --> 00:23:43.794
Modelle zu konstruieren, die diese Frage beantworten.

233
00:23:43.794 --> 00:23:49.373
Und die herauszufinden versuchen, wie politische Veränderungen in der oben beschriebenen Art

234
00:23:49.373 --> 00:23:54.981
zu einer größeren Bedeutung von vererbtem Kapital beitragen.

235
00:23:54.981 --> 00:24:03.046
Das führt zu einer Gesellschaft, die besser als ererbte Plutokratie beschrieben werden kann.

236
00:24:03.626 --> 00:24:11.982
Im letzten Teil meines Vortrags möchte ich auf die Begrifflichkeiten Kredit, Wohlstand und Ungleichheit eingehen

237
00:24:11.982 --> 00:24:16.236
und zum Teil Verbindungen zwischen Makro- und Mikroökonomie herstellen.

238
00:24:18.158 --> 00:24:27.607
Ich habe zu Beginn angemerkt, dass der Aspekt der Vermögenszunahme,

239
00:24:27.607 --> 00:24:35.329
der kapitalistische Volkswirtschaften charakterisiert, mit dem Wert von Land zusammenhängt.

240
00:24:35.642 --> 00:24:40.296
Und ich habe zwei mögliche Erklärungen für diesen Anstieg im Bodenwert aufgezeigt.

241
00:24:40.296 --> 00:24:48.717
Einer ist der Wert der Position von Gütern, der zweite sind Equilibriumpfade,

242
00:24:48.717 --> 00:24:53.904
die Sattelpunktnatur von Märkten mit heterogenen Kapitalgütern.

243
00:24:54.341 --> 00:25:01.951
Eine dritte Erklärung betrachtet die wachsende Vermögensungleichheit als Ergebnis fehlgeleiteter Finanzpolitik.

244
00:25:02.284 --> 00:25:03.997
Es dürfte wohl eindeutig feststehen,

245
00:25:03.997 --> 00:25:10.109
dass die Geldpolitik in den Jahren vor 2008 nicht zu wirtschaftlicher Stabilität beigetragen hat.

246
00:25:11.499 --> 00:25:14.728
Sie hat zur Großen Rezession geführt.

247
00:25:15.072 --> 00:25:17.946
Ich denke, sie hat dabei eine Schlüsselrolle  gespielt.

248
00:25:18.246 --> 00:25:22.467
Ich möchte aber besonders darauf hinweisen, dass die Art der Geldpolitik, die Kreditschöpfung,

249
00:25:22.467 --> 00:25:25.929
letztendlich zum Anstieg von Ungleichheit führt.

250
00:25:27.664 --> 00:25:29.781
Die Grundidee ist ziemlich simpel.

251
00:25:30.022 --> 00:25:33.321
Kredit, nicht Geld spielt die zentrale Rolle für makroökonomisches Verhalten.

252
00:25:33.711 --> 00:25:34.985
Normalerweise bewegen sich beide gemeinsam.

253
00:25:34.985 --> 00:25:38.883
In Krisenzeiten kann die Geldbasis zunehmen, ohne dass das Kreditvolumen ansteigt.

254
00:25:38.883 --> 00:25:41.888
Wir brauchen also tatsächlich eine Theorie der Kreditschöpfung.

255
00:25:43.355 --> 00:25:49.967
Bei der Konzentration auf die Kreditschöpfung muss hervorgehoben werden, dass nicht die Zinsen, der Zinssatz für Schatzanweisungen

256
00:25:49.967 --> 00:25:54.239
die große Rolle spielen, wie es in DSGE-Modellen üblich ist,

257
00:25:54.239 --> 00:25:58.732
sondern die Kreditverfügbarkeit, die Spanne zwischen der Rendite für Schatzanweisungen und den Kreditzinsen.

258
00:25:59.532 --> 00:26:01.192
Was ist ein Kredit?

259
00:26:01.827 --> 00:26:08.296
Mit einem Kredit können Menschen mehr Geld ausgeben, als ihnen momentan zur Verfügung steht.

260
00:26:09.971 --> 00:26:15.316
Man muss sich klarmachen, dass sich ein Kredit von gewöhnlichen Waren unterscheidet.

261
00:26:15.316 --> 00:26:17.970
Ein Kredit kann aus Luft hergestellt werden.

262
00:26:18.815 --> 00:26:21.454
Was ist der Anlass für einen Kredit?

263
00:26:23.019 --> 00:26:27.774
Warum können beispielsweise Banken diese Art von Krediten schaffen,

264
00:26:28.053 --> 00:26:32.613
die es Menschen ermöglichen, mehr Geld auszugeben, als sie vorher verdient haben?

265
00:26:32.953 --> 00:26:35.038
Die Kreditwirtschaft basiert auf Vertrauen.

266
00:26:35.562 --> 00:26:38.052
Vertrauen darauf, dass das verliehene Geld zurückgezahlt wird.

267
00:26:38.052 --> 00:26:41.155
Vertrauen darauf, dass das erhaltene Geld von anderen anerkannt wird.

268
00:26:41.783 --> 00:26:46.940
Wenn eine Finanzinstitution Vertrauen genießt, kann sie gewissermaßen selbst Geld oder Kredite erschaffen,

269
00:26:46.940 --> 00:26:49.565
Schuldscheine ausstellen, die von anderen erfüllt werden.

270
00:26:50.141 --> 00:26:52.927
Und dadurch kann sie die effektive Nachfrage steigern.

271
00:26:53.563 --> 00:27:00.138
Das heutige Vertrauen in das Finanzsystem basiert auf der Überzeugung, dass der Staat Hilfe leisten wird.

272
00:27:00.695 --> 00:27:06.599
Das haben wir 2008 ganz deutlich erlebt, als die US-Regierung und die europäischen Regierungen

273
00:27:06.858 --> 00:27:11.171
eigentlich nichts anderes zu den Banken gesagt haben als: „Hier sind einige Billionen Dollar.

274
00:27:11.711 --> 00:27:16.842
Wir sichern euch ab, auch wenn ihr Kredite falsch vergeben und Risiken falsch eingeschätzt habt.“

275
00:27:18.253 --> 00:27:24.957
Wenn man unter die Oberfläche schaut, hat die Regierung de facto die Verantwortung

276
00:27:24.957 --> 00:27:28.438
für die Schaffung und Zuteilung von Krediten an Privatbanken delegiert.

277
00:27:29.717 --> 00:27:33.921
Diese Privatbanken nutzen effektiv das Vertrauen der Regierung.

278
00:27:33.921 --> 00:27:37.546
Wir haben also ein wesentliches nationales Gut privatisiert.

279
00:27:38.599 --> 00:27:43.640
Heute haben die Zentralbanken nur einen begrenzten Einfluss auf die Menge und insbesondere die Verteilung.

280
00:27:44.268 --> 00:27:48.201
Und ein Großteil der Kredite ist in den Erwerb bestehender Vermögenswerte geflossen,

281
00:27:48.201 --> 00:27:50.390
was zu einer Vermögenspreisinflation geführt hat.

282
00:27:51.269 --> 00:27:58.780
Zur gleichen Zeit haben sich die Zentralbanken auf den Verbraucherpreisindex, die Rohstoffpreisinflation konzentriert.

283
00:27:59.000 --> 00:28:02.015
Das hat den Kreditschöpfungsprozess geregelt –

284
00:28:02.015 --> 00:28:06.499
die Kreditschöpfungsaktivität ist eine wesentliche Quelle von Ungleichheit in unseren Gesellschaften.

285
00:28:06.784 --> 00:28:13.284
Der Wohlstand geht nicht nur an den Finanzsektor und an die, die Kredite zuteilen,

286
00:28:13.546 --> 00:28:17.141
sondern auch an die Eigentümer von bereits bestehenden Vermögenswerten, deren Preise steigen.

287
00:28:17.425 --> 00:28:22.063
Und das manifestiert sich am deutlichsten in der Entstehung von Ungleichheit in Übergangswirtschaften,

288
00:28:22.063 --> 00:28:29.968
in denen sich in weniger als einem Vierteljahrhundert ein hohes Maß an Gleichheit in ein Höchstmaß an Ungleichheit verwandelt hat.

289
00:28:30.781 --> 00:28:34.660
Das führt mich zu den zentralen politischen Fragen.

290
00:28:36.813 --> 00:28:40.896
Die Zentralbanken, die Regulierer hätten in diesem speziellen Punkt

291
00:28:40.896 --> 00:28:44.612
den Kreditfluss für den Erwerb bestehender Vermögenswerte einschränken können.

292
00:28:44.612 --> 00:28:47.184
Dabei handelt es sich um eine Form der makroprudenziellen Regulierung.

293
00:28:47.388 --> 00:28:54.077
Aber das war nicht Bestandteil der Lehrmeinung der zentralen Finanzpolitik der DSGE-Modelle.

294
00:28:54.734 --> 00:29:00.137
Der Staat hätte eine direktere Rolle in der Kreditbereitstellung,

295
00:29:00.137 --> 00:29:07.327
in der Nutzung dieser knappen Ressource, ihres eigenen Vertrauens, übernehmen können.

296
00:29:07.327 --> 00:29:12.692
Die Krise hat bewiesen, dass die privaten Märkte weder in der Zuteilung von Krediten noch im Risikomanagement gut waren.

297
00:29:12.692 --> 00:29:17.376
Relativ wenige Kredite fließen in produktive Investitionen.

298
00:29:17.376 --> 00:29:22.176
Und deshalb ist der Kapitalstock, das K, tatsächlich zurückgegangen.

299
00:29:23.606 --> 00:29:31.949
Und das zeigt die Bedeutung von signifikanten makroökonomischen Externalitäten, die vom Privatsektor nicht berücksichtigt wurden –

300
00:29:32.199 --> 00:29:37.015
ein Bereich, der für den IMF jetzt sehr zentral ist.

301
00:29:38.794 --> 00:29:46.501
Und das führt mich noch schnell zu den dringlichen Politik- und Forschungsaspekten, die da heißen:

302
00:29:46.501 --> 00:29:52.077
Das Verstehen der Determinanten von Wohlstandsungleichheit liefert den Rahmen für geeignete Politikreformen,

303
00:29:52.451 --> 00:29:55.216
die Ungleichheit verringern können.

304
00:29:55.216 --> 00:30:02.371
Und es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, über die ich heute nicht reden konnte: sowohl politische Entscheidungen,

305
00:30:02.703 --> 00:30:07.093
die sich auf das Ausmaß von Spekulationsgewinnen und die fortgesetzte Vermögensaneignung auswirken,

306
00:30:07.093 --> 00:30:11.112
als auch soziale Faktoren wie Diskriminierung und die Rolle der Gewerkschaften.

307
00:30:12.670 --> 00:30:17.266
Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich noch zwei Anmerkungen loswerden.

308
00:30:18.315 --> 00:30:24.864
Die erste ist die, dass sich die Perspektive auf Ungleichheit in den letzten zehn Jahren bedeutend verändert hat

309
00:30:25.737 --> 00:30:30.046
und die Verteilung des Einkommens eine Rolle spielt.

310
00:30:30.813 --> 00:30:37.266
Dagegen spielte die Einkommensverteilung in den vorherrschenden makroökonomischen Modellen,

311
00:30:37.551 --> 00:30:44.992
insbesondere den vor 2008 gültigen, keine Rolle.

312
00:30:46.591 --> 00:30:50.503
Es ist wichtig zu wissen, welche Aspekte der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen relevant sind.

313
00:30:50.503 --> 00:30:52.458
Es besteht aber kein Zweifel daran, dass sie relevant sind.

314
00:30:52.819 --> 00:30:57.250
Der zweite Punkt ist, dass die Wirtschaftswissenschaftler traditionell

315
00:30:57.250 --> 00:31:00.537
von einem Kompromiss zwischen Ungleichheit und Wohlstand gesprochen haben.

316
00:31:00.771 --> 00:31:02.000
Ja, Ungleichheit ist schlecht.

317
00:31:02.282 --> 00:31:09.360
Aber wenn wir etwas gegen Ungleichheit tun, würden wir, so die Ansicht vieler, das Wachstum verlangsamen,

318
00:31:09.360 --> 00:31:15.373
Störungen in der Wirtschaft verursachen und zu einer geringeren wirtschaftlichen Effizienz beitragen.

319
00:31:16.936 --> 00:31:23.302
Jetzt wird deutlich, dass wir – zumindest angesichts des Ausmaßes an Ungleichheit in den Vereinigten Staaten

320
00:31:23.302 --> 00:31:29.343
und vielen anderen Industrieländern und der Art und Weise, wie Ungleichheit entsteht,

321
00:31:29.343 --> 00:31:31.778
also angesichts der Quellen der Ungleichheit, über die ich gesprochen habe –

322
00:31:32.047 --> 00:31:37.254
tatsächlich heute eine geringere Ungleichheit und eine größere Effizienz,

323
00:31:37.254 --> 00:31:40.296
eine größere Stabilität und ein größeres Wirtschaftswachstum haben könnten.

324
00:31:43.280 --> 00:31:49.826
Kurz gesagt: Gleichheit und Effizienz sollten als Komplementärfaktoren betrachtet werden.

325
00:31:49.826 --> 00:31:53.673
Und das ist auch das zentrale Thema meines Buches, ‚The Price of Inequality‘.

326
00:31:53.874 --> 00:32:00.330
Dieser Ansatz setzt sich jetzt auch generell durch, wie die Untersuchungen des IMF zeigen.

327
00:32:01.517 --> 00:32:09.568
Ein wichtiges Forschungsprojekt wäre es, die Kanäle zu untersuchen, über die sich diese Effekte realisieren lassen.

328
00:32:10.619 --> 00:32:15.651
Zum Schluss möchte ich anmerken, dass wir nicht sicher sein können,

329
00:32:15.930 --> 00:32:19.706
dass sich die Trends der letzten 30 Jahre in den nächsten 50 Jahren fortsetzen werden.

330
00:32:19.909 --> 00:32:20.939
Wir sollten hoffen, dass es nicht so ist.

331
00:32:21.690 --> 00:32:26.001
Aber das ist nicht nur eine Frage von wirtschaftlichen Kräften.

332
00:32:26.517 --> 00:32:31.253
Die wirtschaftlichen Kräfte sind auf beiden Seiten des Atlantiks, beiden Seiten des Pazifiks die gleichen.

333
00:32:32.035 --> 00:32:40.882
Aber die Ergebnisse, dazu gehören die Strukturen der Möglichkeiten, unterscheiden sich erheblich.

334
00:32:40.882 --> 00:32:46.823
Das heißt, dass es nicht nur um wirtschaftliche Gesetze, sondern auch um politische Kräfte geht.

335
00:32:46.823 --> 00:32:54.802
Hier steht also nicht nur der wirtschaftliche Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zur Debatte, wie Piketty es bezeichnet hat.

336
00:32:54.802 --> 00:32:58.534
In Wirklichkeit geht es um die Demokratie des 21. Jahrhunderts.

337
00:33:00.474 --> 00:33:09.914
Und wie ich bereits erwähnte, stehen uns viele Instrumente zur Verfügung, um eine gleichere Gesellschaft zu schaffen.

338
00:33:09.914 --> 00:33:15.896
Viele dieser Instrumente würden gleichzeitig für eine effizientere und leistungsstärkere Wirtschaft sorgen.

339
00:33:16.726 --> 00:33:20.863
Die entscheidenden Faktoren dieser zunehmenden Ungleichheit und deren Folgen zu verstehen,

340
00:33:20.863 --> 00:33:25.490
sollte – und so hoffe ich – dürfte in den kommenden Jahrzehnten zu einem wesentlichen Forschungsgebiet werden.

341
00:33:25.490 --> 00:33:26.518
Vielen Dank.

342
00:33:26.770 --> 00:33:28.037
(Applaus)

